Organisationsprofil
Die Schaeffler AG ist eine weltweit führende Motion Technology Company und ein weltweit führender Zulieferer für Antriebstechnologien. Seit dem 1. Oktober 2024 gehört die Vitesco Technologies GmbH zu Schaeffler und zählt zu den größeren Partnerunternehmen des Forschungsprojekts KMI. Am Standort Limbach-Oberfrohna (Sachsen) beschäftigt das Unternehmen rund 900 Mitarbeitende (Stand 10/25) und fertigt Dieseleinspritzsysteme sowie Turbolader für den globalen Automobilmarkt.
Ausgangssituation
Am Standort in Limbach-Oberfrohna werden bereits eine Reihe von KI-Anwendungen eingesetzt, um Mitarbeitende in Produktion, Qualitätssicherung und Instandhaltung zu unterstützen. Der bestehende Innovationsprozess für KI-Anwendungsfälle folgt dabei einem konzernzentralen Muster: Anwendungsfälle werden im Konzern definiert, Daten aus den verschiedenen Werken in einem Cloud-System gesammelt, Algorithmen zentral entwickelt und anschließend lokal in den Werken implementiert. Die am Standort Limbach-Oberfrohna sitzende Manufacturing Intelligence-Gruppe übernimmt dabei häufig eine koordinierende und treibende Rolle.
Dieser Innovationsprozess ist aufgrund der Gegebenheiten äußerst komplex und stellt das Unternehmen immer wieder vor Probleme hinsichtlich verschiedener Themen, zum Beispiel dem Wissens- und Prozessmanagement, aber auch bei Technologiemanagement und der Kooperationsstrukturen. Neben dieser Herausforderung ist auch die Akzeptanz der Mitarbei-tenden in den verschiedenen Werken eine große Herausforderung, da die entwickelten Anwendungsfälle, sowohl im KI-Kontext als auch bei Cobot und IoT Applikationen, teilweise nicht im eigenen Werk entwickelt, dort aber umgesetzt werden müssen. Dahingehend ist weiterhin zu betrachten, wie dieser Veränderungsprozess mitarbeitendenorientiert zu begleiten ist, um deren Akzeptanz für diese Technologie zu erhöhen.
Maßnahmen in der Praxis
Das methodische Vorgehen im Pilotprojekt ist als iterativer, partizipativer Prozess konzipiert, der wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung und betriebliche Anwendungsnähe mitein-ander verbindet. Im Rahmen des Anwendungs-falls wurde in der Analysephase eine quali-tative mit einer quantitativen Erhebung kombiniert.
Im ersten Schritt wurden am Standort in Limbach-Oberfrohna drei teilstrukturierte Gruppeninterviews mit je zwei Vertretern von Maschineneinrichtern, Systembetreuern und Instandhaltern geführt. Die Interviews hatten eine Dauer von 45 - 60 min. Inhalt der Interviews war zunächst der reguläre Ablauf im Falle einer Wartung und Störungsbehandlung mit Fragen zum Prozess der Störungsbehebung, der Kommunikation mit anderen Stellen und der Dokumentation. Danach wurde nach Herausforderungen/Prozessproblemen im Störungsfall und daraus folgenden Anforderungen und Ansatzpunkten für Optimierung gefragt. Die Endnutzer des Systems wurden so im Sinne einer arbeitsgestalterischen Begleitung aktiv in die Entwicklung eingebunden, mit dem Ziel eine geeignete Schnittstelle für die spätere Implementierung zu identifizieren.
Im Anschluss an diese wurde die quantitative Erhebung mithilfe eines standardisierten Fragebogens durchgeführt. An dieser nahmen zwei Standorte von Vitesco in Deutschland und zwei französische Werke mit insgesamt 78 Befragten teil. Ziel der Untersuchung war es, einen umfassenden Überblick über die Störungsprozesse in unterschiedlichen Standorten zu gewinnen und zu analysieren, ob eine einheitliche technische Lösung für alle Werke geeignet ist oder ob bei der Implemen-tierung standortspezifische Besonderheiten berücksichtigt werden müssen. Darüber hinaus wurden auch zukünftige Problemstellungen sowie Visionen erhoben, um langfristig einen problemorientierten statt lösungsgetriebenen Ansatzes zu ermöglichen. Dies soll sowohl die soziale als auch die ökonomische Nachhaltigkeit künftiger Projekte sicherstellen. Die Einbindung der Mitarbeitenden soll dabei eine zentrale Rolle einnehmen, um bestehende Herausforderungen im aktuellen Prozess zu identifizieren und praxisnahe Verbesserungsvorschläge zu entwickeln. Im Rahmen einer Workshopreihe wurden die Ergebnisse des Projektes mit dem Projektpartner Vitesco Technologies geteilt und ein Innovationsframework erstellt.
Gelerntes
Ein Umdenken im Change-Management dauert lange, benötigt neue Prozessvorgänge und die Bereitschaft der Mitarbeitenden und des Betriebsrats, um das Vorhaben umzusetzen. Insgesamt benötigt es besonders in größeren Unternehmen Zeit, bis dieses Umdenken auch überall angekommen ist und neue Denk- und Verhaltensmuster sich gefestigt haben. Für KMU mit begrenzten Ressourcen lässt sich daraus ableiten: Auch eine fokussierte Erhebung mit einer einzigen, gezielt gewählten Methode stiftet deutlich mehr Mehrwert als eine Bedarfsanalyse ohne jede Mitarbeitendenbeteiligung.
Das im Projekt entwickelte Human-Centered Innovation Framework (HC-IF) verankert vier übergeordnete Leitprinzipien im Innovationsprozess, die den gesamten Prozess durchgängig orientieren. Im Unterschied zu rein prozessualen Modellen adressieren die Leitprinzipien nicht nur das Wie der Innovation, sondern explizit auch das Warum und Wozu.